Aussage gegen Aussage bei einer Vergewaltigung: Wie entscheidet das Gericht?
Das wichtigste in Kürze
- Wenn es bei Vergewaltigungsvorwürfen Aussage gegen Aussage steht, kommt es sehr häufig zu einer Verfahrenseinstellung.
- Um bestmögliche Verteidigungschancen zu haben, sollten Sie schnellstmöglich einen Anwalt kontaktieren.
- Sie dürfen auf keinen Fall mit der Polizei sprechen oder weiter mit dem Opfer kommunizieren, beides kann Ihre Verteidigungschancen erheblich verschlechtern.
Droht bei einem Vergewaltigungsvorwurf eine Verurteilung, wenn es Aussage gegen Aussage steht?
Wenn es Aussage-gegen-Aussage steht, kann eine Verurteilung grundsätzlich verhindert werden. Zu einer Verurteilung wegen einer Vergewaltigung kommt es nur, wenn keine Zweifel an der Schuld des Beschuldigten bestehen. Bei einem Vergewaltigungsvorwurf gelingt es der Staatsanwaltschaft nur in seltenen Fällen, alle Zweifel auszuräumen. In einer Aussage-gegen-Aussage-Situation fällt das Gericht seine Entscheidung auf Basis der beiden zur Verfügung stehenden Aussagen. Nur wenn das Gericht danach zu dem Schluss kommt, dass keine Zweifel an der Schuld des Beschuldigten bestehen, wird der Beschuldigte wegen einer Vergewaltigung verurteilt.
Die folgenden Verteidigungsstrategien helfen bei einem Vergewaltigungsvorwurf dabei, eine Verurteilung zu verhindern:
- Glaubwürdigkeit steigern: Im Rahmen einer Aussage-gegen-Aussage-Situation prüft das Gericht sowohl die Aussage des vermeintlichen Opfers als auch die Aussage des Beschuldigten. Für eine Verurteilung ist es zum einen erforderlich, dass das Gericht dem Opfer glaubt und die Aussage des Beschuldigten für eine Lüge hält. Entsprechend ist es für eine erfolgreiche Verteidigung wichtig, herauszuarbeiten, dass die Aussage des Beschuldigten glaubwürdig ist.
- Zweifel an Aussage des Opfers: Dazu sollte im Rahmen der Verteidigung darauf geachtet werden, die Aussage des Opfers überzeugend anzuzweifeln. Dies gelingt etwa, indem aufgezeigt wird, dass die Aussage Widersprüche aufweist oder nachgewiesen wird, dass das Opfer bereits in der Vergangenheit gelogen hat.
- Zusätzliche Beweismittel: Eine Verurteilung kann sicher abgewendet werden, wenn Beweismittel vorgelegt werden, welche die Unschuld des Beschuldigten beweisen. Wenn beispielsweise eine Frau einem Mann schreibt, wie schön der letzte Abend war, dann ist ein Screenshot dieser Nachricht besonders hilfreich, um den Vergewaltigungsvorwurf zu entkräften.
Wie sollten Sie auf Vergewaltigungsvorwürfe reagieren?
Wenn Ihnen eine Vergewaltigung vorgeworfen wird, sollten Sie so schnell wie möglich einen Rechtsanwalt mit Erfahrung im Sexualstrafrecht kontaktieren. Es ist sehr wichtig, Fehler am Anfang der Ermittlungen zu verhindern. Wenn Sie sich beispielsweise aus Höflichkeit entschuldigen, kann eine solche Nachricht später als Schuldeingeständnis angesehen werden. Es ist deshalb extrem wichtig, schnellstmöglich eine individuelle Verteidigungsstrategie zu entwerfen und umzusetzen.
Dazu ist es wichtig, dass Sie die folgenden Hinweise berücksichtigen, um die bestmöglichen Verteidigungschancen zu bewahren:
- Keine Aussage: Sie sollten weder gegenüber der Polizei noch gegenüber der Staatsanwaltschaft eine Aussage tätigen. Hintergrund ist, dass eine einmal getätigte Aussage in der Regel nicht mehr zurückgenommen werden kann. Demgegenüber ist es allerdings problemlos möglich, eine Aussage später zu tätigen. Sie können erst dann eine Aussage tätigen, die Sie sicher entlastet, wenn Sie Kenntnis von den genauen Vorwürfen haben. Deshalb sollte eine Aussage erst abgegeben werden, wenn der Verteidiger die Möglichkeit hatte, Einsicht in die Ermittlungsakten zu nehmen.
- Keine Herausgabe: Gleiches gilt für die Herausgabe von Unterlagen. Es stellt kein Problem dar, die Herausgabe von Unterlagen nachzuholen. Es ist allerdings sehr schwierig, einmal herausgegebene Unterlagen zurückzuerhalten, ohne dass die Unterlagen bei den Ermittlungen berücksichtigt werden dürfen.
- Chats speichern: Ein besonders wichtiges Beweismittel bei Ermittlungen wegen einer Vergewaltigung sind Chats. Entsprechend sollten Sie unbedingt die geführten Chats speichern. Chats sind ein besonders wichtiges Mittel, um Sie zu entlasten. Wer Ihnen beispielsweise geschrieben hat, dass der Abend sehr schön war, kann Ihnen kaum ein paar Wochen später eine Vergewaltigung vorwerfen. Selbst Nachrichten mit guten Freunden können bei der Entlastung helfen, wenn sich aus diesen etwa ergibt, dass Sie die Nacht gar nicht beim Opfer verbracht haben.
Wie entscheidet das Gericht bei Aussage gegen Aussage ohne Beweise?
Bei einer Aussage-gegen-Aussage-Situation kommt es zu einer Verurteilung des Beschuldigten, wenn das Gericht keine ernsthaften Zweifel daran hat, dass der Beschuldigte die Tat begangen hat. Die Entscheidung des Gerichts basiert auf einer Beweiswürdigung. Es gibt keine festen Regeln, wie das Ergebnis der Beweiswürdigung bei Aussage gegen Aussage ist. Stattdessen kommt es auf die Einschätzung des Gerichtes an, ob es eine Aussage für besonders glaubwürdig hält. Im Rahmen der Beweiswürdigung berücksichtigt das Gericht die folgenden Aspekte:
- Überzeugungskraft: Das Gericht berücksichtigt zum einen, wie überzeugend eine Aussage ist. Wenn beispielsweise ein Zeuge ein Geschehen aus einigen hundert Metern Entfernung beobachtet hat und dabei nur eine eingeschränkte Sicht auf das Geschehen hatte, dann ist die Aussage weniger überzeugend als eine Zeugenaussage, der das Geschehen aus nächster Nähe beobachtet hat.
- Glaubhaftigkeit: Im Rahmen der Glaubhaftigkeit wird berücksichtigt, ob es Motive oder Umstände gibt, die berücksichtigt werden müssen, da sie beeinflussen, ob einer Aussage geglaubt werden kann oder nicht. Wenn beispielsweise ein ebenfalls Angeklagter einen anderen Beschuldigten belastet, muss berücksichtigt werden, dass ein Motiv dafür besteht, sich selbst zu entlasten und den Verdacht auf eine andere Person zu lenken.
- Aussagetiefe: Je detaillierter eine Aussage ist, desto höher ist die Glaubhaftigkeit der Aussage. Wenn sich ein Zeuge an viele Details erinnern kann, ist dies ein Zeichen dafür, dass er das Geschehen zutreffend und umfassend erfasst hat und wiedergeben kann.
Wann werden bei Vergewaltigungsvorwürfen die Ermittlungen eingestellt?
Bei der Vergewaltigung ist die Verfahrenseinstellung möglich. Es gibt zwei Gründe, weshalb es zu einer Verfahrenseinstellung kommen kann, zum einen mangels Tatverdachts und zum anderen wegen Geringfügigkeit.
- Kein Verdacht: Die Einstellung des Ermittlungsverfahrens mangels Verdachts kommt in Betracht, wenn es der Staatsanwaltschaft nicht gelingt, dem Beschuldigten die Tat nachzuweisen. Die Verfahrenseinstellung ist das Ziel fast jeder Verteidigung. Bei einer Verfahrenseinstellung kann ein teurer, aufwendiger Gerichtsprozess verhindert werden. Dazu werden die Vorwürfe auch nicht öffentlich bekannt, sodass der Ruf des Beschuldigten nicht beeinträchtigt wird.
- Geringfügigkeit: Dazu kommt bei der Vergewaltigung – jedenfalls in Ausnahmefällen – auch die Einstellung wegen Geringfügigkeit in Betracht, §§ 153, 153a StPO. Um bei einer Vergewaltigung eine Verfahrenseinstellung wegen Geringfügigkeit zu erreichen, muss besonders überzeugend argumentiert werden und es muss ein Staatsanwalt tätig sein, der sich hiervon überzeugen lässt.

