Aussage gegen Aussage
Aussagepsychologie

Aussagepsychologie: Alles, was Sie wissen müssen

Profilbild von Tobias Escherich, Volljurist und Autor bei STARK STRAFRECHT
Tobias Escherich
Volljurist
Stand: 
6.4.2026

Das wichtigste in Kürze

  • Die Aussagepsychologie setzt sich mit der Psychologie von Aussagen (insb. gegenüber Gerichten und der Polizei) auseinander.
  • Im Mittelpunkt der Aussagepsychologie stehen aussagepsychologische Gutachten, mit diesen wird beurteilt, ob eine Aussage wahr ist oder nicht.
  • Es gibt eine Vielzahl an Kriterien (z.B. Aussagekonstanz, Detailreichtum usw.) anhand derer beurteilt wird, ob eine Aussage auf eigenen Erlebnissen basiert oder nicht.

Was ist die Aussagepsychologie?

Die Aussagepsychologie setzt sich mit der Psychologie von Aussagen (insb. gegenüber Gerichten und der Polizei) auseinander. Im juristischen Bereich stellt sich immer wieder die Frage, ob die Aussage von einer Person glaubhaft ist oder nicht. Insbesondere in Aussage-gegen-Aussage-Situationen ist es für die Entscheidung des Gerichts von herausragender Bedeutung, ob einem Zeugen geglaubt werden kann oder nicht. Doch auch wenn mehrere Zeugenaussagen zur Verfügung stehen, widersprechen sich die Zeugen häufig. In einer solchen Situation müssen Gerichte ermitteln, welcher Aussage geglaubt werden kann und welche Aussagen nicht stimmen. Es ist grundsätzlich die Aufgabe der Gerichte, die Aussagepsychologie vorzunehmen. In Spezialfällen benötigen allerdings auch Richter die besonderen Kenntnisse eines Psychologen.

Was ist ein aussagepsychologisches Gutachten?

Ein aussagepsychologisches Gutachten wird von einem Psychologen erstellt und stellt eine Beurteilung dar, ob eine Aussage glaubhaft ist oder nicht. Wie dargestellt, ist es grundsätzlich die Aufgabe der Richter, zu beurteilen, ob einem Zeugen geglaubt werden kann oder nicht. Allerdings gibt es auch Spezialfälle, in denen das Wissen des Richters unzureichend ist, sodass die Einschätzung eines Psychologen erforderlich ist. Der Gutachter hat bei einem aussagepsychologischen Gutachten in der Regel ein Gutachten darüber zu verfassen, ob die Aussage erlebnisbasiert (also „wahr“) oder erfunden (also „falsch“) ist. In den folgenden Ausnahmefällen wird typischerweise ein aussagepsychologisches Gutachten eingeholt:

  • Psychische Krankheit: Bei bestimmten psychischen Krankheiten kommt es häufig vor, dass Patienten ihre Vorstellungen für tatsächlich erlebt halten. Entsprechend besteht bei solchen Krankheiten das sehr hohe Risiko, dass die Aussage falsch ist. Gleichzeitig ist es trotzdem möglich, dass die Aussage zutrifft. Entsprechend wird die fachliche Expertise eines Psychologen benötigt, um einschätzen zu können, ob die Aussage wahr ist oder nicht. Zu den Krankheiten, bei denen ein aussagepsychologisches Gutachten erforderlich ist, gehören beispielsweise Borderline-Erkrankungen oder Schizophrenie.
  • Unsicherheit: Wenn die Richter mit den vorliegenden Aussagen überfordert sind, etwa weil ein besonders schwerwiegender Fall vorliegt, können Richter ein aussagepsychologisches Gutachten einholen.

Außerdem ist es im Rahmen der Verteidigung teilweise sinnvoll, Privatgutachten vorzulegen. Auf diesem Weg kann die Aussage eines Zeugen oder die Schlussfolgerung der Staatsanwaltschaft angezweifelt werden.

Wie erfolgt die Analyse der Aussage?

Bei einem aussagepsychologischen Gutachten wird geprüft, in welchem Umfang Realitätskriterien vorliegen. Realitätskriterien sind Aspekte, die dafürsprechen, dass eine Aussage wahr ist. Wenn viele Realitätskriterien vorliegen und im Gegenzug keine überzeugenden Anzeichen für eine Lüge bestehen, kommt das aussagepsychologische Gutachten zu dem Ergebnis, dass die Aussage höchstwahrscheinlich auf eigenen Erlebnissen beruht.

Zu den Realitätskriterien, die für eine wahre Aussage sprechen, gehören die folgenden Aspekte:

  • Einzigartigkeit: Wenn die Berichte nicht nur eine konkrete Handlung betreffen, sondern auch die dazugehörigen Gefühle, scheinbar irrelevante Details (z.B. das eigene Outfit sowie ein Bericht, wieso sich für das Outfit entschieden wurde) und spontane Einfälle berichtet werden können.
  • Unverständnis: Wenn Personen Beobachtungen schildern, die er selbst nicht versteht, weil sie nicht eingeordnet werden können.
  • Verflechtung: Wenn Personen in der Lage sind, innerhalb von Geschehnissen zu springen. Wer beispielsweise in der Lage ist, in zeitlicher Hinsicht zu springen, hat das Berichtete wahrscheinlich erlebt. Es ist sehr schwierig, sich eine Geschichte auszudenken und dann in der Lage zu sein, in zeitlicher, örtlicher und personeller Hinsicht zu springen.
  • Deliktsmerkmale: Wer über eine Straftat berichtet und dabei für die Tat typische und rechtlich relevante Aspekte schildert, ohne deren rechtliche Bedeutung zu kennen.
  • Konstanz: Wenn der Zeuge in der Lage ist, auch bei mehreren Vernehmungen eine einheitliche Aussage zu tätigen, ohne sich in Widersprüche zu verwickeln, spricht dies für eine wahre Aussage. Das bedeutet, dass sowohl der Inhalt der Aussage (Detailreichtum, Individualität, Verflechtung) als auch die Sprache (Sprachfluss, Satzbau, Ausdrucksweise) und das eigene Verhalten (Körpersprache, gefühlsmäßige Begleitung) gleichbleiben.
  • Fragmente: Die meisten Menschen können eine Geschichte nicht vollständig chronologisch berichten. Stattdessen werden einzelne Aspekte später ergänzt oder einige Aspekte „zu früh“ berichtet. Wenn sich allerdings aus allen Aspekten ein stimmiges Gesamtbild ergibt, spricht dies dafür, dass der Bericht auf tatsächlichen Erlebnissen beruht.
  • Abweichungen: Wenn bei mehreren Berichten die zentralen Aspekte gleich bleiben, sich unwesentliche Details allerdings verändern, spricht dies dafür, dass etwas tatsächlich erlebt wurde.

Es gibt allerdings auch Anzeichen, die dafürsprechen, dass eine Lüge vorliegt:

  • Zurückhaltung: Wenn sich eine Person zu Aspekten zurückhält, die für den Zeugen nicht zentral sind, spricht dies für eine Lüge. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn die Aussage der Person sehr vage bleibt.
  • Beeinflussung: Wenn sich eine Person versucht, beim Gutachter „einzuschleimen“, um eine lückenhafte Aussage zu kaschieren, spricht dies für eine Lüge der aussagenden Person.
  • Verteidigung: Wenn sich eine Person bereits gegen den Vorwurf der Falschaussage verteidigt, obwohl der Vorwurf noch gar nicht im Raum stand, spricht dies ebenfalls für eine falsche Aussage.

Aspekte, die bei der Aussagepsychologie berücksichtigt werden müssen?

Auch wenn ein aussagepsychologisches Gutachten erstellt wird, muss berücksichtigt werden, dass es auch für einen Psychologen nicht möglich ist, mit absoluter Sicherheit festzustellen, ob eine Lüge vorliegt oder nicht. Entsprechend können auch die Gutachten von Psychologen unterschiedlich ausfallen und auch Psychologen können menschlichen Fehler unterliegen. Dazu – auch das kommt leider vor – ist nicht jeder Psychologe gleich kompetent. Deshalb ist es im Rahmen von Gerichtsprozessen sehr wichtig, den Gutachter ausführlich zu befragen, um „abzuklopfen“, ob der Gutachter wirklich kompetent ist oder nicht.

Häufig gestellte Fragen

Wann wird die Aussagepsychologie relevant?
Die Aussagepsychologie wird relevant, wenn geprüft werden muss, ob eine Aussage glaubhaft ist oder nicht. Wenn beispielsweise nur wenige Zeugen zur Verfügung stehen, ist die Aussagepsychologie wichtig, um zu entscheiden, ob der Aussage geglaubt wird oder nicht.
Was ist ein aussagepsychologisches Gutachten?
Mit einem aussagepsychologischen Gutachten beurteilt ein Psychologe, wie glaubwürdig eine Aussage ist. Im Rahmen des Gutachtens wird genau überprüft, welche Anzeichen für und gegen die Glaubwürdigkeit sprechen.
Wer erstellt ein aussagepsychologisches Gutachten?
Ein aussagepsychologisches Gutachten wird von einem Psychologen erstellt. Die meisten Psychologen, die aussagepsychologische Gutachten erstellen, weisen jahrelange Erfahrung in dem Bereich auf.
Was sind Realkennzeichen?
Als Realkennzeichen werden Merkmale einer Aussage bezeichnet, die dafür sprechen, dass die Person das Berichtete tatsächlich erlebt hat. Beispiele für Realkennzeichen sind beispielsweise einzigartige Details und eine hohe Aussagenkonstanz.
Warum sind aussagepsychologische Gutachten bei psychisch Kranken erforderlich?
Wenn eine psychisch kranke Person eine Aussage tätigt, besteht das hohe Risiko, dass die Aussage nicht zutrifft. Deshalb ist eine genaue Einschätzung eines Psychologen erforderlich.