Scheinerinnerungen: Alles, was Sie dazu wissen müssen
Das wichtigste in Kürze
- Bei Scheinerinnerungen denkt eine Person, etwas erlebt zu haben, obwohl sie es tatsächlich nicht erlebt hat.
- Scheinerinnerungen können durch Krankheiten, Zeitablauf oder durch äußere Einflüsse (z.B. manipulative Therapeuten) hervorgerufen werden.
- Verteidiger haben bei Scheinerinnerungen die Aufgabe, über Beweismittel und intensive Befragungen die Unschuld des Beschuldigten aufzuzeigen.
Was sind Scheinerinnerungen?
Als Scheinerinnerungen werden Erinnerungen bezeichnet, die objektiv falsch sind. Es handelt sich bei Scheinerinnerungen also um erfundene Erinnerungen. Die Besonderheit besteht bei Scheinerinnerungen darin, dass die betroffene Person selbst die Aussage für zutreffend hält. Der Unterschied zwischen Scheinerinnerungen und Lügen besteht also darin, dass die Person bei einer Lüge weiß, dass sie nicht die Wahrheit sagt, während die aussagende Person bei einer Scheinerinnerung denkt, die Wahrheit zu sagen.
Was ist die Ursache für Scheinerinnerungen?
Die Ursachen für Scheinerinnerungen sind unterschiedlich, Scheinerinnerungen können etwa durch Krankheiten oder auch durch falsche Therapien hervorgerufen werden. In den meisten Fällen werden Scheinerinnerungen durch einen der folgenden Gründe hervorgerufen:
- Krankheit: Beispielsweise Menschen mit einer Borderline-Erkrankung fällt es schwer, zwischen Wahrheit und Vorstellung zu unterscheiden. In solchen Situationen kann es vorkommen, dass Vorstellungen und Träume für tatsächlich zutreffend gehalten werden.
- Gehirn: Das Erinnern von Erlebnissen ist ein dauerhafter Prozess. Im Laufe der Zeit vergisst das Gehirn unwichtige Informationen. Innerhalb dieses Erinnerungsprozesses kann es dazu kommen, dass Informationen miteinander verknüpft werden, die nicht zueinander gehören. Zudem kann es auch dazu kommen, dass entscheidende Informationen vergessen werden. Außerdem können Scheinerinnerungen durch Verunsicherung hervorgerufen werden. Wenn Menschen das Gefühl haben, dass etwas passiert sein muss – auch wenn tatsächlich gar nichts passiert ist – kann es passieren, dass Menschen sich unbewusst etwas ausdenken.
- Rückschaufehler: Ein langer Zeitabstand kann dazu führen, dass Situationen in der Rückschau anders bewertet werden. Beispielsweise kann eine Trennung dazu führen, dass Situationen als übergriffig beurteilt werden, die im Zeitpunkt der Handlung als unproblematisch angesehen wurden. Insbesondere wenn der zeitliche Abstand sehr groß ist, etwa bei Menschen, die an ihre Kindheit zurückdenken, besteht das Risiko, dass Handlungen hinzugefügt werden, die tatsächlich gar nicht passiert sind.
- Einfluss: Aussagen und Erinnerungen können erheblich von außen beeinflusst werden. Die Fragetechnik von Gutachtern, etwa indem Suggestivfragen gestellt werden, kann die Aussage von befragten Personen erheblich beeinflussen. Auf diesem Weg kann es dazu kommen, dass Personen ernsthaft der Meinung sind, sich an einen konkreten Vorfall zu erinnern. Dies gilt auch für Therapien. Wenn etwa bestimmte Symptome vorliegen und Therapeuten die Möglichkeit äußern, dass ein Trauma vorliegt, kann es passieren, dass Menschen sich Geschichten unabsichtlich ausdenken, die zu diesen Erinnerungen passen.
Welche praktische Bedeutung haben Scheinerinnerungen?
Scheinerinnerungen haben insbesondere im Strafrecht erhebliche Bedeutung. Insbesondere bei Vorwürfen wegen Kindesmisshandlung oder sexuellem Missbrauch kommt es häufig zu Aussage-gegen-Aussage-Situationen. In solchen Fällen stehen nur die Aussagen des vermeintlichen Opfers und des Beschuldigten zur Verfügung. Der Beschuldigte lehnt die Vorwürfe in den meisten Fällen ab, sodass für den Nachweis der Tat nur die Aussage des vermeintlichen Opfers zur Verfügung steht. In einer solchen Situation entscheidet das Gericht danach, ob es Zweifel an der Schuld des Beschuldigten hat.
Wenn das Gericht keine Zweifel an der Richtigkeit der Aussage des vermeintlichen Opfers hat und die Aussage des Beschuldigten für eine Lüge hält, wird der Beschuldigte verurteilt. Entsprechend besteht für Richter die herausfordernde Aufgabe, zu beurteilen, ob eine Aussage zutrifft oder ob es sich bloß um eine Scheinerinnerung handelt.
Wie erfolgt die Verteidigung bei Scheinerinnerungen?
Wenn Beschuldigte aufgrund von Scheinerinnerungen verfolgt werden, besteht die Aufgabe für Verteidiger darin, aufzuzeigen, dass die Aussage des vermeintlichen Opfers falsch ist. Dabei handelt es sich um eine besonders komplizierte Aufgabe. Hintergrund ist, dass Personen mit Scheinerinnerungen häufig davon überzeugt sind, dass ihre Erinnerungen zutreffen.
Im Rahmen der Verteidigung kommen die folgenden Mittel in Betracht:
- Befragung: Mittels intensiver Befragung durch den Verteidiger kann es gelingen, Widersprüche aufzudecken oder aufzuzeigen, dass bestimmte Aspekte objektiv nicht zutreffen. Schon das Aufdecken von kleinen Widersprüchen kann ausreichen, damit das Gericht an den Schilderungen zweifelt.
- Gutachter: Gleiches gilt für Gutachter. Bei Aussage-gegen-Aussage-Situationen werden häufig Gutachter eingeschaltet, um die Glaubhaftigkeit der Aussage des Opfers zu beurteilen. Mittels einer genauen Analyse der Akte und einer präzisen Befragung kann es gelingen, die sorgfaltswidrige Arbeit des Gutachters aufzuzeigen.
- Krankheit: Wenn Personen nachweislich krank sind (z. B. Borderline-Erkrankung), hat dies zur Konsequenz, dass die Aussage einer gutachterlichen Prüfung bedarf. Nur wenn der Gutachter die Aussage für vollständig glaubhaft hält, darf die Aussage als Grundlage für eine Verurteilung dienen. Wenn also konkrete Anhaltspunkte für eine Borderline-Erkrankung vorgebracht werden können, bestehen sehr gute Verteidigungschancen.

