Borderline Vergewaltigungsvorwurf: Alles, was Sie wissen müssen
Das wichtigste in Kürze
- Wenn das vermeintliche Vergewaltigungsopfer an Borderline erkrankt ist, wird die Erkrankung im Rahmen der Beweiswürdigung berücksichtigt.
- Bei der Aussage einer Person mit Borderline wird grundsätzlich davon ausgegangen, dass die Aussage nicht zutrifft. Nur wenn es keine Zweifel an der Richtigkeit der Aussage gibt, wird die Aussage als wahr gewertet.
- Die Aussage einer an Borderline erkrankten Person wird durch einen Gutachter geprüft.
Was passiert bei einem Vergewaltigungsvorwurf, wenn das Opfer Borderline hat?
Wenn das Opfer Borderline hat, wird die Borderline-Erkrankung im Rahmen der Beweiswürdigung berücksichtigt. Bei Vergewaltigungsprozessen besteht häufig das Problem, dass nicht ausreichend Beweismittel zur Verfügung stehen. In vielen Fällen liegt eine Aussage-gegen-Aussage-Situation vor. Das bedeutet, dass ausschließlich die Aussage des vermeintlichen Opfers und des Beschuldigten zur Verfügung stehen. In einer Aussage-gegen-Aussage-Situation bekommt der Beschuldigte nicht automatisch Recht. Vielmehr würdigt das Gericht beide Aussagen. Wenn das Gericht bei der Beweiswürdigung zu dem Ergebnis kommt, dass keine ernsthaften Zweifel daran bestehen, dass der Beschuldigte die Tat begangen hat, kann das Gericht den Beschuldigten auch in einer Aussage-gegen-Aussage-Situation verurteilen.
Eine Borderline-Erkrankung spielt bei der Beweiswürdigung der Aussage des vermeintlichen Opfers eine zentrale Rolle. Personen mit einer Borderline-Störung erleben starke Gefühlsschwankungen. So kann es passieren, dass starke Zuneigung innerhalb von Sekunden ohne äußeren Anlass in tiefe Ablehnung umspringt. Entsprechend muss diese emotionale Instabilität bei der Würdigung der Aussage berücksichtigt werden. Dies setzt eine hohe Fachkompetenz voraus, über die Richter grundsätzlich nicht verfügen. Deshalb muss die Vernehmung und Glaubwürdigkeitsprüfung von einem Gutachter durchgeführt werden. Bei der Begutachtung muss der Psychiater grundsätzlich davon ausgehen, dass die an Borderline erkrankte Person nicht die Wahrheit sagt. Der Psychiater darf nur dann annehmen, dass das vermeintliche Opfer die Wahrheit sagt, wenn er positiv zu dem Ergebnis kommt, dass es keine Zweifel an der Richtigkeit der Aussage des Opfers gibt.
Wie wird eine Borderline-Erkrankung nachgewiesen?
Die Borderline-Erkrankung wird entweder durch eine bestehende Diagnose oder durch Anzeichen für eine Borderline-Erkrankung nachgewiesen. Eine große Herausforderung besteht darin, das viele Borderline-Erkrankungen gar nicht entdeckt werden. Wenn also bisher keine Diagnose für eine Borderline-Erkrankung besteht, müssen Indizien dafür gefunden werden, dass eine Borderline-Erkrankung vorliegt. Folgende Anzeichen stellen Indizien für eine Borderline-Erkrankung dar:
- Selbstverletzungen: Personen, die sich selbst verletzen, z.B. durch Ritzen, Brandnarben usw., leiden häufig an einer Borderline-Erkrankung.
- Nervenzusammenbruch: Mehrfach aufgetretene Nervenzusammenbrüche sind ebenfalls ein Indikator für eine Borderline-Erkrankung.
- Psychiatrie: Ein besonders starker Indikator für eine psychische Erkrankung, und damit auch eine Borderline-Erkrankung sind Aufenthalte in einer Psychiatrie.
Neben diesen Indizien gibt es noch eine ganze Reihe an weiteren Indizien, die im Einzelfall dafür sprechen können, dass eine Borderline-Erkrankung vorliegt.
Was ist eine Borderline-Störung?
Eine Borderline-Erkrankung ist eine psychische Störung, welche die eigenen Emotionen beeinflusst. Personen, die an Borderline erkrankt sind, leiden unter starker emotionaler Instabilität. Das bedeutet konkret, dass die Gefühle und Emotionen stark schwanken. Das kann in zwischenmenschlichen Beziehungen bedeuten, dass Hass und Liebe gegenüber einer Person stark hin- und herspringen. Während eine an Borderline erkrankte Person gegenüber einer Person in dem einen Moment starke Zuneigung und Liebe verspürt, können die Gefühle der Person innerhalb von Sekunden in Hass und Abneigung umschlagen. Diese instabilen Emotionen führen dazu, dass an Borderline erkrankte Personen Situationen und Emotionen anders wahrnehmen. Entsprechend erinnern sich Personen, die an Borderline erkrankt sind, teilweise anders an Situationen als gesunde Menschen.
Die Ursachen einer Borderline-Erkrankung sind noch nicht vollständig erforscht. Neben einer genetischen Veranlagung spielen auch traumatische Erfahrungen in der Kindheit, z.B. Gewalterfahrungen, Missbrauch usw., eine Rolle.
Was sollten Sie bei einem Vergewaltigungsvorwurf machen?
Wenn Ihnen eine Vergewaltigung vorgeworfen wird, ist es sehr wichtig, dass Sie Ruhe bewahren. Sie sollten insbesondere nicht das vermeintliche Opfer bzw. die Person, die Sie angezeigt hat, kontaktieren. Andernfalls besteht das Risiko, dass die Kontaktaufnahme als Beeinflussung von Zeugen bewertet wird, sodass Sie in Untersuchungshaft kommen. Außerdem sollten Sie die folgenden Tipps beachten:
- Nichts herausgeben: Sie sollten keine Unterlagen freiwillig herausgeben. Sollte die Herausgabe sinnvoll sein, kann sie später noch nachgeholt werden. Ist die Herausgabe hingegen nicht sinnvoll, kann sie nicht mehr zurückgenommen werden. Entsprechend sollte die Herausgabe immer zuvor mit einem Anwalt besprochen werden.
- Kein Geständnis: Gleiches gilt für ein Geständnis. Auch ein Geständnis kann problemlos nachgeholt, allerdings nicht zurückgenommen werden. Entsprechend sollte das Geständnis nur nach Rücksprache mit einem Verteidiger abgegeben werden.
- Anwalt: Sie sollten schnellstmöglich einen Strafverteidiger kontaktieren, damit eine individuelle Verteidigungsstrategie entworfen werden kann. Ein schnelles Vorgehen ist wichtig, um keine Fehler zu machen.
Was passiert, wenn der Täter an Borderline leidet?
Nicht nur das vermeintliche Opfer, sondern auch der Beschuldigte können an einer Borderline-Persönlichkeitsstörung leiden. Wenn der Täter an einer Borderline-Persönlichkeitsstörung leidet, stellt dies einen Grund für eine verminderte Schuldfähigkeit dar. Eine verminderte Schuldfähigkeit wirkt sich strafmildernd aus. In besonders schwerwiegenden Fällen besteht auch die Möglichkeit, dass die Schuld des Täters ausgeschlossen ist. Ein solcher Schuldausschluss führt allerdings nicht dazu, dass es zu überhaupt keinen Konsequenzen kommt. Vielmehr kann in einem solchen Fall etwa eine Einweisung in eine geschlossene Psychiatrie durch das Gericht erfolgen.

