Sexuelle Belästigung
Dauer Anzeige sexuelle Belästigung

Wie lange dauert eine Anzeige wegen sexueller Belästigung?

Profilbild von Tobias Escherich, Volljurist und Autor bei STARK STRAFRECHT
Tobias Escherich
Volljurist
Stand: 
6.4.2026

Das wichtigste in Kürze

  • Die Ermittlungen wegen sexueller Belästigung dauern meistens mehrere Monate.
  • Das gesamte Verfahren mit Ermittlungen und Gerichtsverfahren dauert deutlich mehr als ein Jahr.
  • Bei einem langen Ermittlungsverfahren stehen Ihre Chancen besser, dass das Verfahren eingestellt wird.

Wie lange dauert das Verfahren nach einer Anzeige wegen sexueller Belästigung?

Das Verfahren nach einer Anzeige wegen sexueller Belästigung dauert mindestens mehr als 6 Monate und in den meisten Fällen auch eher mehrere Jahre. Hintergrund ist, dass es nach einer Anzeige zu umfangreichen Ermittlungen und dann unter Umständen später zu einem Gerichtsverfahren kommt. 

Insgesamt hat das Verfahren nach einer Anzeige wegen sexueller Belästigung den folgenden Ablauf:

  • Ermittlungen: Nach der Anzeige nimmt die Polizei die Ermittlungen auf und versucht Beweise zu finden, welche die Vorwürfe bestätigen bzw. widerlegen. In der Regel fokussiert sich die Polizei allerdings auf die Suche nach belastenden Beweisen. Bei der sexuellen Belästigung handelt es sich nicht um ein schwerwiegendes Delikt. Aufgrund der geringen Strafe und der Überlastung der meisten Staatsanwaltschaften haben die Ermittlungen in der Regel keine Priorität. Deshalb dauern die Ermittlungen in der Regel recht lang. Schnelle Ermittlungen kommen vorrangig in Betracht, wenn sehr schnell glaubwürdige Beweismittel vorliegen, sodass keine Zweifel an der Schuld des Beschuldigten bestehen. Wenn es schwierig ist, die Vorwürfe zu beweisen, kann alleine das Ermittlungsverfahren über ein Jahr dauern.
  • Staatsanwaltschaft: Mit dem Abschluss der Ermittlungen entscheidet die Staatsanwaltschaft, ob das Verfahren eingestellt wird oder es zu einem Gerichtsverfahren kommt. Die Entscheidung der Staatsanwaltschaft geht in der Regel sehr schnell.
  • Gericht: Sollte sich die Staatsanwaltschaft für eine Anklage entscheiden, kommt es zu einem Gerichtsverfahren. Auch Gerichtsverfahren wegen sexueller Belästigung dauern in den meisten Fällen lange. Zum einen haben schwerwiegendere Verfahren für Gerichte Vorrang. Außerdem müssen wiederum die Zeugen geladen werden usw. Nach der Entscheidung des Gerichts haben der Beschuldigte und die Staatsanwaltschaft die Möglichkeit Berufung oder Revision einzulegen, sodass es zu einem weiteren Gerichtsverfahren kommt. Dadurch können die Gerichtsverfahren insgesamt schnell mehr als ein Jahr in Anspruch nehmen.

Welche Faktoren beeinflussen die Länge des Verfahrens?

Die Länge des Verfahrens wegen sexueller Belästigung wird insbesondere von der Arbeitsbelastung der Staatsanwaltschaft und der Gerichte beeinflusst. Viele Staatsanwaltschaften und Gerichte in Deutschland sind stark überlastet. Entsprechend liegt der Fokus auf schwerwiegenden Straftaten. Bei der sexuellen Belästigung handelt es sich verglichen zu Straftaten wie Mord, Raub oder Betrug um eine weniger schwerwiegende Straftat. Deshalb hat das Verfahren für Gerichte und die Staatsanwaltschaft keine Priorität. Sollten die Staatsanwaltschaft und die Gerichte allerdings Kapazitäten haben, kann das Verfahren auch deutlich schneller gehen. 

Auch die folgenden Aspekte wirken sich auf die Länge des Verfahrens aus:

  • Ermittlungsaufwand: Erheblichen Einfluss auf die Länge des Verfahrens hat der Ermittlungsaufwand. Wenn bereits nach kurzen Ermittlungen Beweismittel vorliegen, welche die Schuld des Beschuldigten eindeutig belegen oder widerlegen, kann die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen bereits nach kurzer Zeit beenden.
  • Relevanz: Grundsätzlich gilt, dass die Polizei umso mehr Ressourcen in die Ermittlungen einer Straftat steckt, desto schwerwiegender die Straftat ist. Sofern die sexuelle Belästigung zu keinen schwerwiegenden Folgen bei dem Opfer führt (z.B. eine Depression) oder ein Wiederholungstäter als Täter in Betracht kommt, handelt es sich nicht um eine schwerwiegende Straftat. Entsprechend ist nicht zu erwarten, dass die Staatsanwaltschaft viel Zeit und viele Ressourcen in die Ermittlungen steckt.
  • Einstellung: Wenn sich die Staatsanwaltschaft dazu entscheidet, die Ermittlungen einzustellen, beschleunigt dies das Verfahren erheblich. Bei einer Verfahrenseinstellung kommt es zu keinem Gerichtsverfahren, sodass das Verfahren zum einen deutlich schneller endet. Zum anderen besteht für Beschuldigte der Vorteil, dass sie nicht angeklagt werden, sodass auch keine Strafe droht. Teilweise macht die Staatsanwaltschaft die Verfahrenseinstellung davon abhängig, dass der Beschuldigte eine Auflage erfüllt. Die Auflage besteht in der Regel darin, dass eine Geldzahlung getätigt werden muss. Es ist für Beschuldigte sinnvoll, diese Auflage zu erfüllen. Die Auflage ist grundsätzlich deutlich günstiger als eine spätere Strafe durch das Gericht.

In Ausnahmefällen ist es auch möglich, dass die Ermittlungen bzw. das Gerichtsverfahren für längere Zeit unterbrochen werden. Beispielsweise wenn der Beschuldigte an einer schwerwiegenden Krankheit erkrankt (z.B. Krebs) oder durch ein politisches Amt Immunität erlangt.

Welche Möglichkeiten bestehen, um das Verfahren zu beschleunigen?

Es gibt Möglichkeiten, mit denen das Verfahren erheblich beschleunigt werden kann. Zum einen hilft eine Verfahrenseinstellung erheblich dabei, das Verfahren zu beschleunigen. Für eine Verfahrenseinstellung hilft es, wenn es der Verteidigung des Beschuldigten gelingt, erhebliche Zweifel an der Schuld des Beschuldigten hervorzurufen. Wenn dazu Umstände vorgetragen werden, welche die Schuld des Beschuldigten reduzieren (z.B. es wurde in guter Absicht gehandelt, eine schwierige Kindheit usw.), bestehen gute Chancen, dass es zu einer Verfahrenseinstellung kommt. Außerdem ist es hilfreich, wenn entlastende Beweismittel vorgelegt werden können. Es kommt nur zu einer Anklage, wenn die Staatsanwaltschaft davon überzeugt ist, dass der Beschuldigte die Tat begangen hat. Wenn hingegen glaubwürdige Beweismittel vorgelegt werden können, die für die Unschuld des Beschuldigten sprechen, stehen die Chancen gut, dass es zu einer Verfahrenseinstellung kommt.

Ist es schlecht, wenn das Verfahren wegen sexueller Belästigung lange dauert?

Für Beschuldigte ist es hilfreich, wenn das Verfahren wegen sexueller Belästigung lange dauert. Auch wenn ein langes Verfahren eine hohe psychische Belastung darstellt, sind mit der langen Verfahrensdauer eine ganze Reihe an Vorteilen verbunden:

  • Erinnerungen: Je länger ein Verfahren dauert, desto schlechter erinnern sich Zeugen an die Gegebenheiten. Dadurch sinkt die Glaubwürdigkeit der Zeugen mit der Zeit. Entsprechend nimmt die Wahrscheinlichkeit eines Freispruchs mit laufender Verfahrensdauer zu.
  • Strafmilderung: Eine lange Verfahrensdauer ist ein Strafmilderungsgrund. Selbst wenn es zu einer Verurteilung kommen sollte, führt die lange Verfahrensdauer dazu, dass die Strafe sinkt.
  • Beweismittel: Eine lange Verfahrensdauer zeigt, dass die Staatsanwaltschaft keine überzeugenden Beweismittel hat. Denn wenn die Staatsanwaltschaft glaubwürdige, belastende Beweismittel hätte, würde es sehr schnell zu einer Anklage kommen.

Deshalb steigt mit der laufenden Verfahrensdauer die Wahrscheinlichkeit, dass es zu einer Verfahrenseinstellung kommt.

Anzeige wegen sexueller Belästigung erhalten, was tun?

Wenn Sie wegen einer sexuellen Belästigung angezeigt wurden, ist es wichtig, dass Sie zeitnah einen Rechtsanwalt kontaktieren. Nach einer Anzeige ist es wichtig, dass direkt mit der Verteidigung begonnen wird. Fehler, die am Anfang des Verfahrens gemacht werden, können häufig nicht mehr korrigiert werden.

Folgende Tipps sollten Sie ebenfalls beachten:

  • Keine Aussage: Sie sollten keine Aussage gegenüber der Polizei abgeben. Entsprechende Aussagen führen sehr oft im Laufe des Verfahrens zu Problemen. Sollte eine Aussage ausnahmsweise sinnvoll sein, kann die Aussage auch noch später ohne Nachteile abgegeben werden. Gleiches gilt auch für die Herausgabe von Unterlagen.
  • Ruhe bewahren: Es ist sehr wichtig, dass Sie ruhig bleiben. Wenn Sie beispielsweise anfangen, das vermeintliche Opfer zu kontaktieren und ich Vorwürfe zu machen, besteht das Risiko, dass dies als Zeugenbeeinflussung gesehen wird, was erhebliche Nachteile für Sie haben kann. Schlimmstenfalls droht Ihnen die Untersuchungshaft.

Häufig gestellte Fragen

Wie lange dauert es bei der sexuellen Belästigung von der Anzeige bis zur Anklage?
Bei einer Anzeige wegen sexueller Belästigung dauert es von der Anzeige bis zur Anklage circa 6 bis 12 Monate.
Wie lange dauert es, bis die Polizei nach einer Anzeige wegen sexueller Belästigung die Ermittlungen aufnimmt?
Nach einer Anzeige wegen sexueller Belästigung dauert es wenige Tage, bis die Polizei die Ermittlungen aufnimmt. Teilweise beginnen die Ermittlungen sogar sofort.
Welche Strafe droht bei einer Verurteilung wegen sexueller Belästigung?
Bei einer Verurteilung wegen sexueller Belästigung droht Ihnen in den meisten Fällen eine Geldstrafe. Zu einer Gefängnisstrafe kommt es nur in seltenen Ausnahmefällen.
Warum dauert das Ermittlungsverfahren bei sexueller Belästigung so lange?
Die sexuelle Belästigung stellt keine besonders schwerwiegende Straftat dar, sodass die Ermittlungen keine Priorität haben. Dazu sind die meisten Staatsanwaltschaften überlastet.
Ist es gut oder schlecht, wenn die Ermittlungen wegen sexueller Belästigung lange dauern?
Es ist gut, wenn die Ermittlungen lange dauern. Zum einen führt ein langes Ermittlungsverfahren dazu, dass die Strafe gemildert wird. Außerdem können sich Zeugen nach langer Zeit schlechter an die Tat erinnern. Dazu zeigt ein langes Ermittlungsverfahren, dass keine überzeugenden Beweismittel vorliegen.